Das Konstanzer Konzil. Essays

Das Konstanzer Konzil

Konzilgebäude mit Imperia-Statue am Hafen, Konstanz (Copyright: Konstanz)

Eine Hure als Symbol. Die Stadt war empört. Als die Statue des Bildhauers Peter Lenk 1993 am Hafen aufgestellt wurde, war sie in Konstanz mehr als umstritten. Sollte an das Ökumenische Konzil zu Konstanz, diesen größten Kongress des Mittelalters, auf dem nicht zuletzt die einzige Papstwahl auf deutschem Boden stattfand, durch „Imperia" erinnert werden? Also durch eine legendäre Kurtisane, die Figuren mit den kaiserlichen und den päpstlichen Insignien wie Puppen auf den Händen trägt?

Vorgeschichte

Mittlerweile ist die Imperiastatue zu einem Wahrzeichen der Stadt geworden. Sie gehört zu Konstanz wie eben auch das besagte Konzil, das am 5. November 1414, also vor gerade 600 Jahren eröffnet wurde und das zentral für die kirchliche und weltliche Politik in Europa wurde. Es gab mehr als einen Anlass für dieses Konzil, denn die Kirche war in einem desolaten Zustand: Dass Reformen in der Kirche dringend notwendig waren, hatten Forderungen wichtiger Theologen und Juristen seit dem 13. Jahrhundert deutlich gemacht. Zudem gab es immer mehr theologische Positionen, die von der Lehre der Kirche abwichen. Und vor allem gab es in diesen Jahren drei Päpste: Waren es seit 1378, dem Beginn des Großen Abendländischen Schismas, bereits derer zwei gewesen – einer in Rom und einer in Avignon, so scheiterte 1409 der Versuch des Konzils von Pisa, diese beiden abzusetzen und einen neuen zu wählen. Die Päpste römischer und avignonesischer Anhängerschaft („Obödienz"), Gregor XII. und Benedikt XIII., weigerten sich, ihre Absetzung anzuerkennen. Stattdessen kam noch ein Papst Pisaner Obödienz hinzu. 1414 , zu Beginn des Konstanzer Konzils, war das Johannes XXIII.

Die causae

So gab es also drei Gründe, drei causae, und somit drei Problem- und Themenfelder, die das Konzil in den kommenden vier Jahren bis 1418 zu klären hatte: die causa reformationis, die Frage nach den Reformen, die causa fidei, in der die abweichenden Glaubenslehren behandelt werden mussten und schließlich die causa unionis, die Frage nach der Einheit der Kirche unter einem Papst.

Die causa reformationis stand sehr im Schatten der causa unionis: Um Päpste absetzen zu können, musste sich das Konzil als eine Instanz definieren, die über dem Papst stand. Es folgte so in seinem Dekret „Haec sancta" der Lehre des sogenannten Konziliarismus, die in den vorhergehenden Jahrzehnten entwickelt worden war und die bis heute, nicht zuletzt auch wieder vor dem Hintergrund des aktuellen Pontifikats Franziskus‘, diskutiert wird. Mit dem Dekret „Frequens" wurde ein regelmäßiger Turnus zur Einberufung eines Konzils festgelegt, der in der weiteren Kirchengeschichte aber nicht eingelöst wurde. Weitere Reformen wurden beispielweise im Hinblick auf die Benifizienverleihung (amtsbezogene Nutzung kirchlichen Vermögens) und die Bestrafung von Simonie (Käuflichkeit kirchlicher Ämter) unternommen. Im Hinblick auf monastische Reformen verabschiedete das Konzil zwar kein Dekret, lieferte aber als Bühne für entsprechende Diskussionen einen wichtigen Anstoß. Insgesamt ist allerdings festzuhalten, dass die causa reformationis gegenüber den anderen beiden causae deutlich zurückstand.

Jan Hus; Kupferstich, 17. Jh. (Copyright: Tobias-Bild Universitätsbibliothek Tübingen)

In der Behandlung der causa fidei spiegeln sich die Schattenseiten des Konstanzer Konzils. Die von der bisherigen Lehre abweichenden theologischen Postionen des 1384 verstorbenen John Wyclif und von Jan Hus wurden als häretisch verurteilt (-> Hus-Museum in Konstanz). Dass Jan Hus zuvor von König Sigismund freies Geleit für das Konzil zugesichert worden war, sich zuletzt aber auf dem Scheiterhaufen wiederfand, gehört zu den dunklen Kapiteln des Konzils – auch wenn der Ketzerprozess nach damaligen Regeln korrekt abgelaufen war.

Wirklich erfolgreich war das Konzil nur in der causa unionis. Dabei verliefen die Konzilsjahre auch in dieser Angelegenheit dramatisch. Johannes XXIII. hatte das Konzil einberufen, weil er zunächst davon ausgehen konnte, als einziger der drei Päpste anerkannt zu werden. Bereits in den ersten Wochen wurde aber der Abstimmungsmodus des Konzils so geändert, dass diejenigen in der Mehrheit waren, die alle drei Päpste absetzen wollten. Unter Druck gesetzt erklärte Johannes daraufhin seine Abdankung. Im März 1415 gelang ihm aber als Reitknecht verkleidet die Flucht aus Konstanz nach Schaffhausen und weiter nach Freiburg und Breisach, wobei er seine Abdankung widerrief. Nun bestand die Sorge, dass er auch das gesamte Konzil, das er ja einberufen hatte, ebenfalls für beendet erklären würde, der durch die Verabschiedung des oben genannten Dekrets „Haec Sancta" im April 1415 begegnet wurde. Johannes wurde wieder gefangen, zunächst auf dem Heidelberger Schloss festgesetzt, und willigte schließlich in Konstanz endgültig in seine Absetzung ein. Nachdem in den Folgejahren Gregor XII. nach Verhandlungen zurückgetreten war und Benedikt XIII. ebenfalls abgesetzt wurde, stand die Wahl eines neuen Papstes an. Notwendig war dafür aber eine Räumlichkeit, die einerseits die 53 Wähler fassen und andererseits als Konklave abgeschlossen werden konnte. Die Wahl fiel auf ein großes Handels- und Lagerhaus am Hafen – heute als Konzilsgebäude bekannt. Hier zogen die Wähler am 8. November 1417 feierlich ein und wählten am 11. November Oddo Colonna zum Papst. Nach dem Tagesheiligen nannte dieser sich Martin V.

Konstanz als Konzilsstadt

Münster Unserer Lieben Frau, Konstanz (Copyright: Konstanz)

In den Jahren zwischen 1414 und 1418 war Konstanz aber nicht nur Schauplatz großer kirchlicher Ereignisse. Auch weltliche Würdenträger des Reichs, Fürsten, Grafen und Vertreter der Reichsstädte, waren in großer Zahl anwesend und wichtige politische Geschäfte wurden hier getätigt. Nicht zuletzt erfolgte auf dem Konstanzer Marktplatz 1417 die Belehnung des Burggrafen Friedrich VI. von Nürnberg aus dem Haus Hohenzollern mit der Mark Brandenburg, die im weiteren Verlauf der Geschichte Deutschlands noch eine Rolle spielen würde. Konstanz selbst hatte in dieser Zeit zwischen 6.000 und 8.000 Einwohner und war im Vergleich zu anderen Städten Süddeutschlands wie Augsburg, Nürnberg oder Ulm eine kleinere Stadt. Als es als Ort für ein Konzil bestimmt worden war, musste es sich darauf einstellen, eine drei- bis vierfache Zahl an Besuchern zu beherbergen. Gleichzeitig war Konstanz in diesen Jahren aber eine Stadt im (wirtschaftlichen) Aufwind, der man zutraute, Ausrichter für einen solchen Kongress zu sein. So waren die baulichen Gegebenheiten vorhanden – mit großen Fachwerkhäuern in der Kernstadt und einem der Stadt Rom bereits in ottonischer Zeit nachempfundenen Kranz von Kirchen mit dem großen dreischiffigen Münster an der Spitze. In diesem sollte das Konzil schließlich seine Sitzungen abhalten. Zur Versorgung der Menschen blühte der Handel – wobei mit der Internationalität der Besucher auch Leckereien und Weine aus Italien oder neben dem Bodensee- auch Ostseefisch zu bekommen waren. Und neben vielen verschiedenen Sprachen war auch die Vielfalt europäischer Musik auf den Straßen, Plätzen und in den Kirchen zu hören. Es war in der Tat die Welt zu Gast in Konstanz.

Ulrich Richental

Richental-Chronik (Copyright: Universitätsbibliothek Heidelberg, Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Details über diesen jahrelangen internationalen Kongress am Bodensee kennen wir aus einer einzigartigen Quelle: Der Konstanzer Bürger Ulrich Richental, Sohn des Konstanzer Stadtschreibers Johannes Richental, hatte es sich als Augenzeuge des Konzils ungefähr zwischen 1420 und 1430 zur Aufgabe gemacht, eine umfangreiche Konzilschronik vorzulegen, die aber wohl keine offizielle Geschichtsschreibung der Stadt darstellt. Er berichtet die wichtigsten Ereignisse, legt Personenlisten vor, zeigt die Wappen der Protagonisten und nennt Zahlen und Preise. Wie jede historische Quelle ist aber auch seine Darstellung kritisch zu interpretieren und einzuordnen. Vor allem gibt sie aber aufgrund ihrer reichen und anschaulichen Bebilderung eine eindrückliche Vorstellung von dem damaligen Geschehen und hat unsere Vorstellung vom Konstanzer Konzil bis heute geprägt. Derzeit sind 16 Handschriften und drei Drucke überliefert, wobei die ursprüngliche Schrift aber nicht mehr erhalten ist. Über LEO-BW findet sich das Digitalisat eines Druckes der Chronik von 1483 in der Heidelberger Universitätsbibliothek.

Die eingangs genannte Kurtisane Imperia geht übrigens auf die historische Figur der Lucrezia de Paris zurück, die allerdings erst knapp hundert Jahre nach dem Konstanzer Konzil lebte. Dass es aber zu Zeiten des Konzils in Konstanz über 700 Prostituierte gab, die weltlichen und anzunehmenderweise auch geistlichen Männern zu Diensten waren, auch das berichtet Ulrich Richental.

Wolfgang Krauth

Literatur

  • Brandmüller, Walter: Das Konzil von Konstanz 1414–1418 (Konziliengeschichte Reihe A: Darstellungen), 2 Bde., Paderborn u.a. 1997/1999.
  • Keup, Jan/Schwarz, Jörg: Konstanz 1414–1418. Eine Stadt und ihr Konzil, Darmstadt 2013.
  • Das Konstanzer Konzil 1414–1418. Weltereignis des Mittelalters. Essays, hg. von Karl-Heinz Braun u.a., Darmstadt 2013.

Eberhard Windeck, auch Windecke, (* um 1380 in Mainz; † 1440/1441) war ein deutsch-ungarischer Kaufmann und Chronist. Er stammte aus einer Mainzer Ratsfamilie.

Leben und Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eberhard Windeck wurde um 1380 geboren, ist in Mainz aufgewachsen und war der Sohn des Pächters der Mainzer Goldwaage. Um den Beruf des Kaufmanns zu erlernen verbrachte er mehrere Jahre in Erfurt, Prag und Paris, arbeitete danach als selbstständiger Kaufmann und war zuletzt markgräflicher Mühlenmeister zu Berlin, bevor er sich 1415 König Sigismund anschloss, diesen auf seiner gesamten Westeuropareise begleitete und aufgrund seiner kaufmännischen Kenntnisse, was den Transfer von Geld und Krediten sowie Münz- und Währungsrelationen anbelangte, für den König unverzichtbar war. Auch während des Konstanzer Konzils hielt sich Windeck an der Seite des Herrschers auf, bis dieser ihn 1418 zu dem neugewählten Papst Martin V. nach Italien schickte. 1424 kehrte Windeck nach Mainz zurück und bekam von Sigismund zum Dank für seine Verdienste einen Anteil am Mainzer Rheinzoll verliehen.[1]

Nachdem Windeck wieder in Mainz sesshaft geworden war, war er als selbstständiger Kaufmann tätig, handelte überwiegend mit Pelzwaren und schloss sich der Kürschnerzunft an. In den 1428 ausgebrochenen Auseinandersetzungen zwischen den Zünften und Patriziern seiner Heimatstadt trat er als führender Politiker auf der Seite der Zünfte hervor. In den Jahren 1428 und 1429 wird er auch als Baumeister der Pfarrkirche St. Quintin genannt.[2]

In den Folgejahren zog sich Windeck weitgehend aus der Politik zurück und konzentrierte sich überwiegend auf die Verteidigung seines Status als erfolgreicher Geschäftsmann sowie des ihm von Sigismund verliehenen Zolllehens, das von den bisherigen Inhabern angefochten wurde. Ferner verfasste er eine Chronik über die Regierungszeit Sigismunds, die er selbst als Kaiser Sigismunds Buch bezeichnet. In ihr stellt er die Taten von Sigismund dar und betont dabei nicht nur dessen Verdienste um das Reich und die Christenheit, sondern auch sein eigenes enges und freundschaftliches Verhältnis zum König. Windlocks Chronik liegt in den Handschriften in mehreren Fassungen vor (a: bis 1438, b: bis 1439, c – nicht mehr von Windeck – bis 1442) und gilt als herausragendes historiographisches Werk seiner Zeit, in dem sich Königs- und Reichsgeschichte mit der individuellen Perspektive eines zeitgenössischen Beobachters verbinden.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Wilhelm Altmann: Eberhard Windeckes Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Zeitalters Kaiser Sigmunds. - zum ersten Male vollständig herausgegeben-, R. Gaertners Verlagsbuchhandlung, Berlin 1893.
  • Peter Johanek: Eberhard Windecke. in: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. Hrsg. v. Wolfgang Stammler. 2. Aufl. Walter De Gruyter, Berlin 1999. Bd. 10, Sp. 1197–1206. ISBN 3-11-015606-7.
  • Joachim Schneider: Das illustrierte 'Buch von Kaiser Sigmund' des Eberhard Windeck. Der wiederaufgefundene Textzeuge aus der ehemaligen Bibliothek von Sir Thomas Phillipps in Cheltenham. In: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 61 (2005), S. 169–180 (Digitalisat).
  • Joachim Schneider: Eberhard Windeck, König Sigismund und das Konstanzer Konzil. In: Karl-Heinz Braun, Mathias Herweg, Hans W. Hubert, Joachim Schneider, Thomas Zotz (Hgg.): Das Konstanzer Konzil. Essays. 1414 – 1418. Weltereignis des Mittelalters. Theiss Verlag, Darmstadt 2013, ISBN 978-3-8062-2849-6, S. 52–57.
  • Renáta Skorka: Eberhard Windecke emlékirata Zsigmond királyról és koráról. Budapest 2008.
  • Arthur Wyß: Windeck, Eberhard. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 43, Duncker & Humblot, Leipzig 1898, S. 381–387.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. ↑Joachim Schneider: Eberhard Windeck, König Sigismund und das Konstanzer Konzil. In: Karl-Heinz Braun, Mathias Herweg, Hans W. Hubert, Joachim Schneider, Thomas Zotz (Hgg.): Das Konstanzer Konzil. Essays. 1414 – 1418. Weltereignis des Mittelalters. Theiss Verlag, Darmstadt 2013, ISBN 978-3-8062-2849-6, S. 52–57, hier S. 52–53.
  2. ↑Arthur Wyß: Windeck, Eberhard. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 43, Duncker & Humblot, Leipzig 1898, S. 381–387.

Normdaten (Person): GND: 100964206(PICA, AKS) | VIAF: 12661559 | Wikipedia-Personensuche

Sigismund beim Papst in Rom. Aus einer Handschrift des Sigismund-Buchs aus der Werkstatt von Diebold Lauber

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